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  • Authentizität & Selbstliebe

    Die Paris-Therapie

    Die Paris-Therapie

    Es ist verrückt, wie sehr vermeintlich unwichtige Entscheidungen den Kurs eines Lebens verändern können, denke ich. Ich sitze an meinem Schreibtisch in Paris, vor mir an der Wand hängt ein Bild meines Sohnes, neben mir steht meine obligatorische Tasse Kaffee.

    Wäre ich damals, vor fünf Jahren, nicht einem spontanen Impuls gefolgt, eine Reise nach Paris zu machen, gäbe es vermutlich weder ihn noch mein heutiges Leben hier.

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    Der besagte Impuls war eine Werbeanzeige auf Instagram für den Semi de Paris, den Halbmarathon im März 2022.

    „Hey, hast du nicht Bock, den Halbmarathon in Paris zu laufen?“, texte ich meiner Freundin Isi im Herbst 2021 per WhatsApp. „Es gibt gerade ein Angebot, hab ich auf Instagram gesehen!“

    „Da sag ich mal: oui“, schreibt sie zurück.

    Ohne lange zu fackeln, melden wir uns für den Lauf an.

    Isi habe ich in einer Laufgruppe in Berlin kennengelernt. Wir waren die einzigen beiden mit derselben Postleitzahl: 10965. Sie wohnte damals direkt neben dem Stadion, in dem wir uns jeden Dienstagabend zum Lauftraining trafen. Außerdem liefen wir ungefähr die gleiche Pace. Trotz unseres Altersunterschieds von neun Jahren wurden wir schnell Laufbuddies und dann auch einfach so Buddies.

    Auf den ersten Blick hätten wir kaum unterschiedlicher sein können.

    Isi liebt Katzen, ich Hunde. Sie trägt fast nie Make-up und experimentiert ständig mit ihren Haaren. Mal sind sie lang und zur Hälfte blau gefärbt, dann schneidet sie zwanzig Zentimeter ab und trägt plötzlich Bob. Sie scheißt aufs Establishment, schrieb damals ihre Masterarbeit in Ingenieurwesen über irgendetwas mit Abwasser und hat nicht das geringste Interesse daran, sich gesellschaftlichen Standards anzupassen, an die sie selbst nicht glaubt.

    Ich hingegen war damals eher ein Instagram-Girlie mit eigenem Blog, fancy Sportoutfits und festem 9-to-5-Job. Selbst zum Laufen trug ich immer ein leichtes Make-up.

    Ich wollte vor allem eines: alles richtig machen.

    Gut aussehen, die Beste im Studium und im Job sein, schnell Karriere machen und dabei möglichst von allen gemocht werden.

    Isi couldn’t care less. Vielleicht mochte ich sie gerade deshalb so sehr.

    Ich schloss Isi in mein Herz und sie mich in ihres. Schweiß schweißt eben tatsächlich zusammen.

    Also: Paris.

    Im März 2022 verbringen wir ein Wochenende in der Stadt. Wir wohnen in einem Airbnb im 20. Arrondissement unweit des Friedhofs Père Lachaise. Unser Bett ist eine Ausziehcouch. Die Wohnung ist klein und laut, aber sie ist alles, was wir brauchen.

    Morgens essen wir Croissants auf die Hand, tagsüber erkunden wir die Stadt zu Fuß. Am Sonntag laufen wir den Halbmarathon.

    Zu der Zeit sind wir beide Single und leben in Berlin. Ich hatte mich rund ein halbes Jahr zuvor ziemlich unschön von meinem Ex getrennt und noch viel Wut und Freiheitsdrang im Bauch.

    Objektiv betrachtet war mein Leben in Berlin nicht schlecht. Ich hatte einen tollen Job als Journalistin. Gute Freunde. Eine schöne Wohnung in Kreuzberg. Doch spätestens seit der Corona-Pandemie und meiner Trennung hatte ich Berlin zunehmend satt.

    Ich konnte diesen ungepflegten Humana-Flohmarkt-Style nicht mehr sehen. Genauso wenig wie Ganzkörper-Lack-und-Leder in Schwarz. Ich hatte genug von dieser demonstrativen Coolness und der Unverbindlichkeit der Stadt. Gefühlt lebte jeder Zweite in irgendeiner Form von offener Beziehung, während ich langsam merkte, dass ich mich eigentlich nach etwas ganz anderem sehnte.

    Es war dreckig. Grau. Hart. Irgendwie einfach nicht mehr sexy.

    Paris hingegen fühlte sich an wie eine frische Frühlingsbrise. Leicht. Neu. Voller Möglichkeiten.

    Die Farben der Häuser. Das Essen. Die Sprache. Die Outfits. Die Straßen mit ihren schönen Namen, die kunstvoll bepflanzten Parks. Morgens mit einem Croissant durch die Stadt zu laufen. Alles inspirierte mich.

    Ich fühlte mich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Und auch: so weiblich wie schon lange nicht mehr.

    Genau dieses Gefühl machte für mich den Unterschied.

    In Berlin war ich fünfeinhalb Jahre geblieben. Ich hatte mir ein Leben aufgebaut, das funktionierte. Aber trotzdem war da diese Ahnung, dass das noch nicht alles war.

    Ich arbeitete zu der Zeit komplett remote und irgendwann an diesem Wochenende hatte ich eine Idee: Warum eigentlich nicht eine Zeit lang in Paris leben? Ich hatte in der Schule Französisch als Leistungskurs und schon lange vor, mein eingerostetes Französisch wieder etwas aufzupeppen.

    Nach dem Wochenende stand mein Plan fest:

    „Ich ziehe nach Paris. Im Mai. Ins 20. Arrondissement. Mit einem Flat Swap.“

    Beziehungsweise war das eher eine Manifestation als ein Plan. Aber ich war fest entschlossen, es zu versuchen. Und ich ließ mir dafür gerade mal fünf Wochen Zeit.

    Es klappte.

    Über eine Freundin bekam ich den Kontakt einer französischen Studentin, die an einem Wohnungstausch interessiert war. Der Deal lautete: Wir tauschen Wohnungen ohne zusätzliche Kosten, jede zahlt ihre Miete weiter. Ich ließ sie mein Fahrrad benutzen, sie mich ihre Metro-Monatskarte. Und tatsächlich wohnte sie im 20. Arrondissement!

    Für ein paar Wochen sollten wir unsere Leben tauschen, ein bisschen wie im Film The Holiday.

    Anfang Mai war es so weit: Ich packte den größten Koffer, den ich besaß, stieg ins Flugzeug und zog in mein WG-Zimmer im 20. Arrondissement, Höhe Gambetta.

    Vier Wochen Paris. Eine Woche davon Sprachkurs.

    Ich konnte mein Glück kaum fassen.

    Aus den geplanten vier Wochen wurden erst ein paar Monate und dann, nun ja, bald fünf Jahre.

    Ich wusste damals, als ich ins Flugzeug stieg, nicht, dass ich damit gerade den Grundstein für ein völlig neues Leben legte. Ich wusste nicht, dass ich mich verlieben würde. Dass ich irgendwann fließend Französisch sprechen würde. Dass Paris mein Zuhause werden würde. Und ganz sicher wusste ich nicht, dass ich ein paar Jahre später an einem Schreibtisch in dieser Stadt sitzen und beim Schreiben auf das Bild meines Sohnes schauen würde.

    Das Einzige, was ich damals wusste, war, dass mich diese Stadt wahnsinnig anzog. Dass sie mein Herz ein bisschen leichter machte.

    Und dass ich diesem Gefühl folgen wollte.

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